„Hotspot“ Weimar - MSS 13 besucht die Klassikerstadt

20.09.2016 - 21:03:00 bis 21:03:00

Weimar: eine verstaubte Stadt der Dichter und Denker? Mitnichten!! Wie viel Glanz und Lebendigkeit die thüringische Kleinstadt im 21. Jahrhundert verströmt, davon durften sich 35 Schülerinnen und Schüler der MSS 13 vom 7. bis 9. September überzeugen. Und so fasste mancher den Plan, in diese Stadt zurückzukommen, eventuell sogar, um hier zu studieren.

Hafis Goethe Denkmal

Was macht den Reiz einer Exkursion nach Weimar aus? Welche Ziele vermittelt der außerschulische Lernort angehenden Abiturienten? Welchen Beitrag zu einer humanistischen Bildung kann eine dreitägige Fahrt leisten? Natürlich gilt Weimar in erster Linie als Klassikerstadt und Zentrum des sogenannten „Viergestirns von Weimar“: Die einflussreichsten Schriftsteller ihrer Zeit - Herder, Wieland, Goethe und Schiller - wirkten hier und entwickelten im Austausch und in ihren Werken das humanistische Gedankengut weiter. Ein wesentliches Ziel des literarischen Stadtspaziergangs am ersten Tag war es daher, die Schülerinnen und Schüler an die zentralen Schauplätze der Literatur zu führen und ihnen zu verdeutlichen, welch’ herausragende Rolle die Residenzstadt am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte. Dass eine Stadt mit dem Ruf, Zentrum des Geisteslebens zu sein, vor Missbrauch nicht gefeit war, wurde der Gruppe vor dem Hotel „Elephant“ vermittelt, von dessen (für ihn geschaffenen) Balkon Adolf Hitler, der sich gerne in Weimar aufhielt, Reden hielt. Dieser scharfe Kontrast sollte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion noch weiter beschäftigen.

Aber zunächst setzten sie sich mit den Idealen und Geistesgrößen der Weimarer Klassik auseinander und besuchten nach der Stadtführung Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm und am zweiten Tag das Goethe-Nationalmuseum. Nicht wenige waren erstaunt, dass der ihnen vor allem als Schriftsteller bekannte Goethe sich so vielseitig zeigte. In der Ausstellung „Lebensfluten - Tatensturm“, in denen die Exponate nach den Leitbegriffen Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Kunst, Natur und Erinnerung angeordnet sind, fielen den Schülerinnen und Schülern verschiedene Zeugnisse aus Goethes Leben und biografische Fakten besonders auf: Goethes Sammelleidenschaft und die Bedeutung, die er Erinnerungsstücken beimaß, seine Haltung zur Französischen Revolution und sein Verständnis von Gewalt als gestalterisch-schöpferische Kraft, seine unterschiedlichen Beziehungskonzepte, die sich auch in seinen Werken spiegeln, und seine 18 Jahre andauernde „wilde Ehe“ mit Christiane Vulpius. Auch die Tatsache, dass er eine Zeitlang Anhänger des Neptunismus war und daher glaubte, die Erde sei allmählich und kontinuierlich aus einem Urmeer hervorgegangen, überraschte viele. So gab der Ausstellungsbesuch zahlreiche Impulse, Goethe und seine Werke besser verstehen zu lernen, und trug dazu bei, „einen Zugang zu den sozio-kulturellen Diskursen um 1800“ zu gewinnen und Verbindungen zu Themen unserer Zeit herzustellen. Einen weiteren Höhepunkt der Exkursion stellte der Besuch der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek am Donnerstagnachmittag dar. Der Rokokosaal mit seinem wertvollen Bücherschatz, die sichtbare Symbiose aus Architektur, Buchbestand und bildender Kunst, beeindruckt ganz offensichtlich auch Digital Natives! Dass ein solch unermesslicher kultureller Schatz bei einem Brand 2004 fast gänzlich zerstört worden wäre und wie die beschädigten Gebäudeteile und Schriften in den folgenden Jahren zeitaufwändig und mühevoll restauriert wurden, um den nächsten Generationen erhalten zu bleiben, darüber informierte eine filmische Dokumentation.

Die Schülerinnen und Schüler sollten Weimar aber nicht ausschließlich als Klassikerstadt kennenlernen und so beschäftigten sie sich am Donnerstagnachmittag mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Während einige die Sonderausstellung „Demokratie aus Weimar“ im Stadtmuseum besuchten und sich mit der Rolle Weimars nach dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzten, zog es andere ins Bauhaus-Museum, wurde doch die Avantgarde-Kunstschule 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet. Eine weitere Gruppe verfasste im Biedermeiergarten des Kirms-Krackow-Hauses Texte, mit denen für den Besuch dieser grünen Oase geworben werden sollte, eine andere entwarf einen Stadtrundgang, der die Wirkungsstätten der „klugen Frauen von Weimar“ einbezieht und diese als weibliches Pendant zu den männlichen Geistesgrößen würdigt.

Am Abend bot sich die Gelegenheit, kurzweilig inszenierte Stücke rund um das „Goldene Zeitalter“ im Theater im Gewölbe, das im Lukas-Cranach-Haus am Markt untergebracht ist, zu besuchen. Die Frage, ob Goethe und Anna Amalia tatsächlich ein „unmögliches Liebespaar“ waren, konnte aber nicht eindeutig beantwortet werden... Sehenswert war auch eine ungewöhnliche Form der Darstellung des Freiheitsdramas „Wilhelm Tell“, nämlich als Marionettentheater mit elf Puppen und einem Schauspieler!

Sorgten die zwei Tage in Weimar dafür, ein vertieftes Verständnis für die Humanitätsentwürfe der Klassik anzubahnen, so stellte der Besuch der Gedenkstätte Buchenwald am dritten Tag einen Kontrast her, der kaum schärfer ausfallen mag. In einer Führung über das ehemalige Lagergelände wurden die Schülerinnen und Schüler mit den barbarischen Verbrechen der Nationalsozialisten konfrontiert, die in diesem Konzentrationslager politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas inhaftierten, als Arbeitskräfte ausbeuteten, medizinischen Experimenten unterzogen, folterten und ermordeten. Die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten ist als Thema im Geschichtsunterricht verankert, bereichert wird das historische Lernen durch die Begehung des authentischen Orts und die unmittelbare Begegnung mit Lagerüberresten und originalen Quellen. Die Vorstellung, wie die Genickschussanlage und die Öfen des Krematoriums eingesetzt wurden, ist emotional fordernd und schwer zu ertragen. Den beiden Referenten, die die Gruppe bei der Lagerführung begleiteten, gelang es, neben der Vermittlung von Fakten moralische Dilemmata zu thematisieren, beispielsweise die Unterscheidung von Tätern, Mittätern und Opfern, und die Schutzbehauptung zu widerlegen, man habe in Weimar nichts von den Verbrechen gewusst. Zudem sensibilisierten sie durch kritisches Hinterfragen von Begrifflichkeiten für den Missbrauch der Sprache durch die Nationalsozialisten. Wie das enge Nebeneinander von Geist und Barbarei, der Widerspruch zwischen dem Humanitätsideal der deutschen Klassik in Weimar und der inhumanen Wirklichkeit in Buchenwald, erklärt werden kann - auf diese Frage mussten alle Schülerinnen und Schüler ihre eigene Antwort finden.

Abschließend möchte ich mich im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die freundliche Unterstützung des Fördervereins bedanken. Durch dessen Übernahme der Kosten für Stadtführungen und Eintritte in das Nationalmuseum sowie die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek wurde eine intensive Auseinandersetzung der angehenden Abiturientinnen und Abiturienten mit den Idealen der Humanität, aufbauend auf dem Vorbild der Antike, ermöglicht, - eine Förderung ganz im Sinne unseres Schulprofils. Herzlichen Dank!

„Wo finden Sie [...] auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes!“ Mit diesen Worten versuchte Goethe seinen Sekretär Eckermann zum Umzug nach Weimar zu bewegen. Fast zweihundert Jahre später bringen unsere Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke von der Fahrt folgendermaßen zum Ausdruck:

  • Wir hatten die Möglichkeit, in einem tollen Ambiente die kulturelle Vielfalt Weimars und seiner Künstler zu entdecken.
  • Es war sehr interessant, in das Leben Goethes einzutauchen und Weimar als Ort der Literatur persönlich zu erleben.
  • In Weimar findet selbst der unerfahrene Schüler schon viel Inspiration.

 

Daher nehme ich gerne den Appell eines Schülers auf: Bitte Fahrt weiterführen - es lohnt sich!

Jutta Bartolosch