Zeitzeugengespräch in der Gedenkstätte Point Alpha

14.11.2019 - 20:25:46 bis 21:26:00

Der 75-jährige Zeitzeuge Klaus Tillich berichtete dem Geschichtskurs der MSS 13 in einem Gespräch über seine Erfahrungen in/mit der DDR und dem Leben an der deutsch-deutschen Grenze.

Biografie von Klaus Tillich

Klaus Tillich war eines von fünf Kindern und schon sehr früh an Politik interessiert. In der Schule wurde ihm bewusst, dass der Staat, in dem er lebte, nicht so demokratisch war, wie es den Menschen vermittelt wurde. Als Beispiel dafür nannte er die Situation, in der er von seinem Lehrer unbegründet eine schlechtere Note erhielt. Nach zahlreichen Nachfragen gab der Lehrer zu, dass er den Schüler Tillich aufgrund seines katholischen Glaubens nicht leiden könne und so die schlechte Note zustande kam. Etwas ändern wollte er jedoch nicht daran. 

Nachdem er die Schulzeit hinter sich gebracht hatte, fragte er sich, welchen Beruf er ausüben werde. Sein Wunsch war es Lehrer zu werden, jedoch entschied er sich dagegen, da er es nicht mit sich vereinbaren konnte, den Schülern Werte zu vermitteln, hinter denen er nicht stand. 

Daraufhin beschloss er als Sozialarbeiter bei der Caritas seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dadurch musste er nach Geisa ziehen und lebte unmittelbar an der Grenze zu Westdeutschland. Dort lebte Tillich mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Er legte großen Wert darauf, dass seine Kinder frei entscheiden konnten, ob sie Mitglied einer Jugendgruppe der DDR werden wollten. Dies wurde seinen Kindern jedoch in der Schule zum Nachteil, da sie sich in den DDR-Gruppierungen kaum engagierten. So wurde sein Sohn Florian, der Klassenbester war, nicht für das Abitur zugelassen, was erneut nicht begründet wurde. Der sture Lehrer wollte nicht mit sich reden lassen, bis Tillich mit Kontakten zum Bischof drohte. Daraufhin zog der Lehrer seine Aussagen zurück, wodurch Florian am Abitur teilnehmen konnte. 

Eindrücke zum Zeitzeugengespräch

Diese Kurzfassung seiner Lebenserfahrungen war für alle sehr mitreißend und schockierend zugleich, da die enorme Macht, die ein solcher Staat über die Bürger hat, niemandem wirklich bewusst war. Da Tillich sich in seinem ganzen Leben für Gerechtigkeit und Demokratie einsetzte, kam er des Öfteren mit der Stasi in Kontakt. Er berichtete, dass ein Bekannter, der dort tätig war, ihm sofort einen Tipp gab, wenn er mal wieder zu laut wurde, und auf dem Radar der Stasi auftauchte. So war es ihm möglich, seiner Meinung Gehör zu verschaffen, sich dabei jedoch nicht strafbar zu machen. 

Verwunderlich für den ganzen Geschichtskurs war es, als Tillich erzählte, dass allgemein bekannt war, wer im Ort dem Sicherheitsdienst der DDR angehörte, wodurch sich sogar ein kleiner Verein gründen konnte, in dem alle Gegner des Systems sich versammelten und diskutieren konnten. Anschließend las der Zeitzeuge Ausschnitte seiner Stasi-Akte vor, in der er als „frecher und arroganter Mensch“ bezeichnet wurde, worüber Tillich sehr erfreut war. Es machte ihn sehr zufrieden, dass ihm nie etwas nachgewiesen werden konnte und es ihm möglich war, ungestraft seine Meinung zu publizieren.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass dieses Zeitzeugengespräch eine tolle Erfahrung war und jedem einen ganz neuen Blick auf eine solche Staatsform gegeben hat. Es erinnerte einen nochmal daran, wie gut es uns allen in Deutschland geht, und wie wichtig es ist, Werte wie Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit aufrecht zu erhalten und sie selbst auch zu leben.

 

Laurin Courbier

Im Rahmen der Exkursion, an der die gesamte MSS 13 zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls teilnahm, hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit die Ausstellung an der Gedenkstätte „Point Alpha“ zu besichtigen, zudem gab es für die beiden Grundkurse und den Leistungskurs jeweils ein Zeitzeugengespräch und eine Führung durch das US-Camp (s. Fotogalerie). 

Bilder: Daniel Lomp