Krankheiten und Katastrophen in der antiken Welt:

29.06.2018 - 07:31:29 bis 09:33:00

Die Antike am Görres immer wieder neu lebendig

PD Dr. Bruchhausen mit Mitgliedern des Kollegiums und der Schulleiterin Frau Dr. Mittelberg

Erneut fanden im Jahr 2018 mit Unterstützung des Fördervereins zwei Vorträge der Reihe „Lebendige Antike“ am Görres-Gymnasium statt, die von Schülern und Eltern sowie Freunden der Vortragsreihe gut angenommen wurden.

Am 25.4.2018 besuchte uns PD Dr. Walter Bruchhausen, der derzeit an den Universitäten Köln und Aachen lehrt. Sein Vortrag „Hippokrates und seine Erben – Geschichte der Medizin in der griechisch-römischen Antike“ bot uns einen umfassenden kategorialen Überblick über die Grundrichtungen der antiken Medizin anhand der griechischen Begriffe τέχνη(techne~Kunst, Handwerk, Technik),  φύσις(physisNatur) und ἦθος(ēthos~ Charakter, Ethos): Die antike Medizin kann also unter technisch-empirischen Gesichtspunkten, vor dem Hintergrund der Natur des Menschen (d. h. des Menschenbildes) und mit ethischen Kategorien betrachtet werden. Der empirische Aspekt der τέχνηstützt sich auf die verbreiteten Schriftkenntnisse im antiken Griechenland, vor allem dokumentiert im Corpus Hippocraticum, wo Krankengeschichten und Therapiehinweise in 60 Schriften über 300 Jahren hinweg festgehalten werden. Daraus entwickeln sich unterschiedliche Medizinschulen, die teilweise eher empirisch, teilweise eher systematisch ausgerichtet sind – zwei Grundtendenzen der Medizin, die bis heute wirksam sind (Grundlagenforschung versus Evidenzbasierte Medizin (EBM)). Der Aspekt der φύσιςbeinhaltet vor allem die sog. Humoralpathologie, d.h. die Lehre des antiken Arztes Galen von den vier Säften, die für das Temperament des Menschen ausschlaggebend sein sollen (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle): Insofern die Krankheit eine Störung des natürlichen Gleichgewichtes dieser Säfte ist (eine sog. Dyskrasie), werden bestimmte Heilmethoden dann als Wiederherstellung der gleichmäßigen Durchmischung verstanden, z. B. der Aderlass als eine Reduktion des Blutanteils. Diese einflussreiche Vier-Säfte-Lehre geht aber schon auf die frühe ionische Philosophie (Lehre von den vier Elementen) und die historische Gestalt des Arztes Hippokrates zurück. Neben diesem philosophischen und systematischen Ansatz findet sich dann in späterer Zeit der dritte Aspekt, das ἦθος, manifestiert v.a. im berühmten hippokratischen Eid, der sich auch auf bestimmte Konzeptionen der Natur (physis) des Menschen stützt, im Wesentlichen aber auch die Absicherung des Ärztestandes zum Ziel hat. Über das Genfer Gelöbnis von 1954, einer säkularen Neufassung, wirkt auch dieses Element der antiken Medizin als ideelle Grundlage medizinethischer Diskussionen bis in die Gegenwart weiter. 

Durch den Vortrag von Dr. Bruchhausen wurde der Zuhörerschaft also klar, dass verschiedene Wirkungsstränge der antiken Medizin bis heute relevant sind. Dieser sehr erhellende kategoriale Ansatz erklärt sich sicherlich auch durch die Biographie des Referenten: Neben seinem Medizinstudium hat er auch ein volles Theologiestudium absolviert. Sein medizinisches Wirken war daneben nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern er arbeitete jahrelang auch in Afrika (Senegal, Ruanda, Ost-Kongo, Tansania) in verschiedenen Projekten. Von seinem umfassenden und grenzüberschreitenden Blick, daneben auch von seiner leutseligen, ruhigen und klaren Vortragsweise und seinen immensen Kenntnissen profitierten die Anwesenden und honorierten es mit lebhaftem Applaus.

Der Referent des zweiten Vortrags vom 17.5.2018 war vielen Anwesenden unter der äußerst zahlreich erschienenen Zuhörerschaft schon vom Vorjahr her bekannt: Prof. Dr. Peter Riemer von der Universität des Saarlandes hatte 2017 einen interessanten und anregenden Vortrag zum Thema des Verhältnisses zwischen Vergil und Augustus gehalten (s. link zum Vorjahresvortrag/ siehe dazu den Eintrag im Jahrbuch 2016/7). In diesem Jahr wurde mit Plinius dem Jüngeren und seinen berühmten Vesuvbriefen wieder einer der beliebtesten Schulautoren behandelt: „Die Vesuvkatastrophe 79 n.Chr. im Lichte der antiken Literatur und der modernen Vulkanismusforschung“. Professor Riemer ordnete dabei die Schilderung des Todes seines Onkels, des Naturforschers Plinius des Älteren, durch den Neffen in die allgemeine zeitgenössische Auffassung der Landschaft um den Golf von Neapel und den Vesuv ein: Kampanien wird überwiegend als ein liebliches und sanftes, von Göttern und Klima gesegnetes Land gesehen; dementsprechend muss auch der Tod in Kampanien ein eher sanfter und freundlicher sein (andere Beispiele dafür: Petron, Augustus). Dazu kommt, dass die Darstellung des Sterbens Plinius´ d. Ä. mit der überwiegend positiven, ja überhöhenden Darstellung verstorbener Angehöriger und großer Römer, wie sie in der römischen Literatur gängig ist, übereinstimmt. Plinius´ d. J. Darstellung, die immerhin 27 Jahre nach dem Geschehen verfasst ist, kann also nicht als minutiöser Augenzeugenbericht verstanden werden, sondern muss als ein Stück Literatur, verfasst von einem nahe stehenden Verwandten, vielleicht auch verbunden mit einem gewissen Rechtfertigungsdruck, verstanden werden. In diesem Zusammenhang zitierte Professor Riemer ein weniger bekanntes historisches Fragment des römischen Autors Sueton, das auch den anwesenden Lateinlehrern neu war: In der Schilderung Suetons wird erzählt, Plinius d. Ä. sei nur mit einem Liburnerschiff unterwegs gewesen, um den Vesuvausbruch genauer zu erkunden, habe nicht mehr zurücksegeln können und sei daher umgekommen (Sueton, De historicis fr.80). Der Grund für seinen Tod war also dieser Quelle zufolge sein übertriebenes naturhistorisches Interesse. Demgegenüber stilisiert sein Neffe ihn als verantwortungsbewussten Flottenkommandanten von Misenum, der mehrere Quadriremen, also römische Vierruderer mit mehreren Hundert Mann Besatzung, eingesetzt habe, um eine Hilfsaktion zu starten, bei der er ähnlich wie ein stoischer Weiser, körperlich unversehrt entschlafen sei. Seine These verband Professor Riemer mit neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, vor allem des isländischen Forscher Haraldur Sigurdsson, nach denen eine Sogwirkung mit auflandigem Wind in der Folge des Ausbruchs ausschlaggebend für die Route des älteren Plinius war. Diese Ergebnisse der modernen Vulkanismusforschung geben auch eine Erklärung für andere archäologische Befunde, z. B. in die Auffindung der verzweifelt auf Evakuierung wartenden Menschen in den Bootshäusern von Herculaneum. 

Faszinierend an diesem Vortrag war für die Zuhörer neben der Tatsache, dass mit Plinius d. J. ein bisher weitgehend unbezweifelter „Augenzeuge“ vom Thron gestoßen wurde, auch die Verbindung von naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, also der Blick über den Tellerrand der Philologie hinweg. Auch seine schon aus dem Vergilvortrag bekannte freundliche, lebendige und anschauliche Vortragsweise und die umfassende Beantwortung der Fragen in der lebhaften Diskussion im Anschluss machten diesen zweiten Vortrag von Professor Riemer an unserer Schule zu einem herausragenden Erlebnis, das auch die Pliniuslektüre der Mittel- und Oberstufe am Görres maßgeblich beeinflussen wird.