„Aus der DDR-Diktatur in die Mainzer Freiheit“

28.06.2018 - 05:49:54 bis 07:52:00

Unser Gespräch mit der Zeitzeugin Barbara Große

Zeitzeugen - die letzten Überlebenden vergangener Tage, welche wir nur aus unseren Geschichtsbüchern kennen. Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen, unsere Oma wird gewiss andere Erfahrungen gesammelt haben als die Großeltern unserer Freunde, und jede Familie war anders betroffen. Doch die wenigsten unserer Vorfahren können noch von den schrecklichen Praktiken der DDR berichten; höchstens von der Mauer, die sie von der Hälfte ihrer Heimat trennte. Woran liegt dieses Phänomen? Jeder weiß von dem Leid, das systematische Überwachung durch die eigenen Freunde und der Mangel von einfachen Gütern ausgelöst wurde, aber wieso war es unseren Großeltern damals fremd, als sie doch inmitten dessen gelebt haben?

Gerade wegen dieser Frage war es uns eine große Freude, die Zeitzeugin Barbara Große, gebürtige Leipzigerin, aufgewachsen im sozialistischen Staat DDR und später politische Gefangene im eigenen Land, bei uns begrüßen zu dürfen. 

Jahrzehnte lang stand sie unter Beobachtung der Stasi, als unbeugsamerund emanzipierter Mensch eingeengt in das Korsett eine Staates, der radikal gegen die eigene Bevölkerung vorging. Fern von Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, Religionsfreiheit, und voller Sehnsucht nach anderen Ländern und Kulturen, die sie ihr Leben lang begleitete; sowohl ins Gute als auch ins Schlechte.

Schon früh wurde ihr bewusst, wie verhängnisvoll Widerstand sein konnte. Ihre Mutter verbot ihr, in der Schule sogenannter Pionier zu werden, ein Teil des sozialistischen Schulsystems, welcher für die Schüler nahezu selbstverständlich war. Somit wurde ihr, trotz angemessener Leistung, der Gang aufs Gymnasium gewehrt, bis sie sich beugte und der FDJ eintrat, um als Tontechnikerin arbeiten zu dürfen. Dennoch, oder vielleicht gerade wegen ihres frühen Kontakts mit den Zwängen des Systems, versuchte sie sich ihre Rechte mit viel Mut zu erkämpfen. Als Messestadt bot Leipzig dabei einen Vorteil: Frau Große gelang es, regelmäßig Kontakt mit befreundeten Holländern zu halten, die ihre Familie auf einer lang ersehnten Reise kennengelernt hatte. So wagte sie immer riskantere Aktionen, angetrieben durch das für sie weit entfernte, unbestimmte Leben ihrer Freunde, und sei es der Kauf von zwei statt einem Stück Butter. Dabei setzte sie geschickt die Angst vor der eigenen Führung ein. Welche Geschäftsleitung verweigert einem Kunden einen zusätzlichen Kauf in der Gefahr, am nächsten Tag plötzlich eine Reise auf unbestimmte Zeit antreten zu müssen?

Und doch zog es die mittlerweile erwachsene Frau immer wieder in die Ferne. Nach bitteren Kämpfen mit Reisebüros blieb ihr allein ihre Kreativität; der Verstand war die einzige Chance, gegen  die Autoritäten zu bestehen! Wer von uns könnte sich vorstellen, die eigenen Ausweise auszukochen, nur um die Reisestempel zu entfernen? Oder kämen wir uns nicht lächerlich vor, uns selbst Einladungen in ein fremdes Land zu schreiben, um überhaupt eine Genehmigung dafür zu erlangen? Viele Bürger der DDR waren sich kaum der Einschränkungen bewusst; auch Frau Große nur peripher, bis sie die Ungebundenheit ihrer ausländischen Freunde erfuhr. 

Ihre Familie lebte im Mangel. Sie wollten und konnten doch keine 20 Jahre auf ein Telefon warten, nur um mit die Stimme ihrer Freunde zu hören! Mit einem leichten Schmunzeln erzählte uns Frau. Große von ihren abenteuerlichen Tauschgeschäften, beginnend mit einer blauen Badewanne. Erst im Nachhinein wird uns bewusst, dass diese scheinbar lustige Geschichte das Leben in unvorstellbarer  Weise zeigt, bei dem einem nichts anderes übrig blieb, als sich selbst auf unkonventionelle Art zu helfen. Wir hingegen scheitern schon am Schreiben von Spickzetteln. 

Trotz all dem blieb ihre kleine Rebellion nicht unbemerkt. Unerwartet wurden sie aus Bussen herausgeholt zur angeblichen Ausweiskontrolle; den Rest des Weges mussten sie natürlich laufen. Und wenn sie dann von ihren Freunden Pakete geschickt bekamen, waren sie oft unbrauchbar, denn die Fischdosen wurden aufgestochen, sodass sich alles über die ebenfalls geschickte Kleidung verteilte.

Schon Jahre zuvor begann die Familie dafür zu kämpfen, in den Westen ziehen zu dürfen, um sowohl sich als auch ihren Kindern ein Leben in Freiheit bieten zu können. Nachts bekam unsere Zeitzeugin Besuch unerwartet von schwarz vermummten Gestalten. In der Hoffnung, sie würde endlich in die BRD reisen dürfen, wenn auch auf eine ungewöhnliche Weise, ging sie mit. Kurz darauf, ohne Prozess, saß sie in Haft! Das kannten wir doch bislang nur aus Zeiten des Nationalsozialismus, oder? Versprochen wurde ihr vieles während ihrer dreimonatigen Untersuchungshaft und doch endete sie, gedemütigt durch Beschimpfungen des Richters, im Frauenzuchthaus. Damals noch immer eine Überraschung wollte Frau. Große doch zuerst die Bedeutung ihrer Situation nicht wahrhaben, aber aus ihren Akten lässt sich herauslesen, dass all dies schon vor Beginn der Verhandlung feststand. Der „Abschaum der Gesellschaft“, wie die Staatsanwältin sie titulierte, sollte das Unrecht schweigend über sich ergehen lassen und nur wenige können heutzutage davon berichten; durch Bestrahlung verstarben viele an Krebs. Hatte die DDR somit nicht eins ihrer Ziele annähernd erreicht? Ist es uns möglich, je das gesamte Ausmaß ihrer Taten zu verstehen; selbst mit den Erzählungen von Zeitzeugen, auf denen ihre Vergangenheit für immer lasten wird.

 

Dennoch kommt in uns Bewunderung auf, als Frau Große uns von ihren kleinen Zankereien mit den Beamten erzählt, mit welchen sie sich selbst gefangen noch zur Wehr setzte, während viele andere schon längst aufgegeben hatten;  auch wenn es nur durch kleine Stickereien in Offiziersmützen geschah. Dabei ist sie laut eigener Aussage eine schreckliche Näherin gewesen sei und somit völlig falsch in einer der drei Fabriken, die entweder für den Westen Luxusartikel oder billige Kleidung für Gefangene produzierten. Dies lässt uns etwas stocken. Wie konnte der Westen zulassen, dass politische Gefangene, die unter erbärmlichen Umständen vor sich hin vegetieren mussten, ihren Wohlstand unfreiwillig stützten und somit diesen menschenverachtenden Staatfinanziell bereicherten? Wohl die wenigsten Bewohner des Westens hätten das zugegeben; die meisten waren sich dessen sicher nicht einmal bewusst.

„Die Strafgefangene Große betrachtet ihre Inhaftierung als sicheres Sprungbrett in den Westen“ pflegte der Oberleutnant des Frauenzuchthauses Hoheneck in einen Bericht zu schreiben. Was auf ihn jedoch nur wie eine Dreistigkeit einer aufmüpfigen Inhaftierten wirkte, wurde Wochen später Realität: Der Westen kaufte sie für 100 000 Mark frei! Ein wenig ironisch, wenn man bedenkt, dass sie Tage zuvor noch für 17 Mark pro Monat gezwungenermaßen Luxusartikel produzieren musste.

Man sollte meinen, die Geschichte hätte dort geendet, oder? Frau Große hatte bereits mit diesem Kapitel abgeschlossen und wurde allein von den Erinnerungen an die Diktatur geplagt, welche versuchte sie zu brechen und doch an ihrem Mut scheiterten. Aber aus ihren Unterlagen kann man herauslesen, dass die Stasi sie bis zu Mauerfall weiter beschattete. Nach ihrer Geschichte können wir uns bei dieser Absurdität nur fragen, ist das derartig abwegig bei einem Staat, in dem die Individuen nur eine bloße Zahl waren? In dem der Schießbefehl auf die eigene Bevölkerung kaum hinterfragt werden konnte? In dem das Gesetz über Recht und Unrecht entschied?

Nach dem Vortrag unserer Zeitzeugin können wir uns den Antworten auf diese Fragen hoffentlich ein wenig besser annähern und lernen, die Geschichte der Menschen, nicht allein der Politiker, die den öffentlichen Konflikt führten, zu verstehen.

(Lia Stenzel, 10b)