Antike – Lebendig wie immer: Vorträge am Görres-Gymnasium 2019

08.08.2019 - 15:03:50 bis

Die Vorträge der Vortragsreihe „Lebendige Antike“ haben sich seit 2011 als feste Tradition auch am Görres-Gymnasium etabliert. Ihr Ziel ist es, die Antike und die zur Antike betriebene Forschung den Schülern, aber auch interessierten Laien aus der Elternschaft und allgemein der Koblenzer Bevölkerung nahe zu bringen. Dabei werden nicht nur rein literaturwissenschaftliche, sondern auch historische und kulturhistorische sowie archäologische Themen in den Blick genommen und Forscher zu den entsprechenden Themen eingeladen. In diesem Jahr fanden der 15. und 16. Vortrag aus dieser Reihe an unserer Schule statt.

Das Thema des ersten Vortrages, den der Althistoriker Prof. Dr. Christoph Schäfer von der Universität Trier bei uns hielt, war innerhalb der Reihe jedoch sicherlich außergewöhnlich: Prof. Schäfer ist ein führender Experte auf dem Gebiet der antiken Schifffahrt, vor allen Dingen in Bezug auf die Rekonstruktion römischer Schiffe und deren praktische Erprobung sowie die wissenschaftliche Auswertung der dadurch gewonnenen Daten. Diesen speziellen Zweig der Forschung nennt man Experimentelle Archäologie. Im Gegensatz zum sog. Re-Enactment bzw. der Living History, die auch rein als Freizeitbeschäftigung betrieben werden können (etwa bei Römerfesten und Mittelalterspektakeln), bemüht sich die Experimentelle Archäologie in der zu Grunde liegenden Fragestellung und der angewandten Messmethode um Wissenschaftlichkeit, Dokumentation und Wiederholbarkeit. Insbesondere die Leistungsdaten antiker Schiffe, zu denen es keine zeitgenössischen Quellen gibt, lassen wichtige Rückschlüsse für die Verteidigung des römischen Reiches oder die Gepflogenheiten im Handel zu, der in der Antike durch die Anbindung von Binnenwasserstraßen an Seeverbindungen bereits Globalisierungsphänomene aufwies. Diese Daten können mit einem nautischen Datenverarbeitungssystem, das für moderne Regatten entwickelt wurde, erfasst werden; dabei können sehr zuverlässige Daten ermittelt werden, indem sogar die Versetzung durch Strom und Wind herausgerechnet werden. 

Professor Schäfer gewährte den Zuhörern einen Einblick in den Nachbau dreier römischer Schiffe in den Jahren 2003 bis 2012 (Regina, Victoria, Lusoria Rhenana), die sich an den spektakulären Funden römischer Schiffe orientieren, die in Deutschland (Mainz 1982 und Oberstimm 1986) gemacht wurden. Der praktische Nachbau und die anschließenden Fahrten mit diesen Schiffen, mit professionellen Ruderern oder ungeübten Studierenden, vertieften die Erkenntnisse zu Bauweise und Leistung dieser Schiffe. Tatsächlich lassen sich diese Schiffe nach kurzer Trainingsphase schon sehr effektiv auf Binnengewässern (Rhein, Donau) fahren. Auch die Besegelung als zweite Form des Antriebs wurde ausprobiert: Mit dem Rahsegel kann man zwar nicht gegen den Wind kreuzen, dennoch kann es sehr leicht bedient werden und 50 % der Windkurse können trotzdem gesegelt werden. So wird erstens einleuchtend, dass der Transport von Waren auf See bzw. Binnengewässern um ein Vielfaches effektiver, schneller und einfacher war als der Landtransport. Zweitens erklärt sich die Verteidigungsstrategie der Römer ab dem 4. Jh. n. Chr., in dem man weniger auf starke und offensive Schiffe (Typus Oberstimm, Beginn d. 2. Jh. n. Chr.), sondern auf die Masse und die Schnelligkeit des neu entwickelten Schiffstyps der sog. navis lusoria(Typus Mainz) setzte. Auf einer Grenzlinie des sog. „nassen limes“ von 680 km lassen sich 220 Lusorien nachweisen (unterstützt durch Ländeburgi auf der barbarischen Seite). Dieser Schiffstyp erforderte beim Bau wenig Fachpersonal und war infolge der monerischen Bauart durch die Grenztruppen nach kurzer Einweisung einfach bedienbar. Seine Leistungsdaten in Geschwindigkeit und Wendigkeit sowie seine Segeleigenschaften waren für ein Patrouillenschiff optimal.

Zu guter Letzt sprach Professor Schäfer über sein aktuelles Projekt: Den gerade vollendeten Nachbau eines römischen Handelsschiffes (Typ Laurons, nach einem südfranzösischen Fund), dessen Zuwasserlassen (Juni 2019) und Schiffstaufe (5.7.19) unmittelbar bevorstand. Damit sollen die Transportwege des römischen Reiches (Biskaya oder Rhône-Saône-Route) erprobt und erforscht werden. Die Zuschauer bedankten sich für den lebendigen und detaillierten Vortrag des Referenten, der selbst auch ein aktiver begeisterter Segler ist, mit großem Applaus und vielerlei Nachfragen.

Den zweiten Vortrag des Jahres hielt der klassische Philologe Professor Peter Riemer aus Saarbrücken, der das Görres-Gymnasium nun zum dritten Mal in Folge besuchte und die Zuhörer schon in den beiden Vorjahren durch interessante Themen und seine lebendige und anschauliche Vortragsweise begeistert hatte. Nach den vergangenen Ausführungen über Vergil und Plinius sprach er in diesem Jahr wieder über eine der Schulpraxis sehr nahestehende Thematik: Die Rolle der Reden in der antiken Historiographie. Die Fragestellung wurde von ihm paradox-antithetisch zugespitzt: „Wahre Fiktion – fiktive Wahrheit?“ Sind Reden im antiken Geschichtswerk wirklich als dokumentierende Wiedergaben von tatsächlich Gesagtem gemeint und ist der antike Leser mit dieser Vorerwartung an den Text herangetreten? Tatsächlich erscheint dies eher als eine moderne Perspektive. Professor Riemer wies darauf hin, dass Reden – in der Tradition der Epik - einen sehr hohen Prozentsatz antiker Geschichtswerke ausmachen (z. B. ein Fünftel bis ein Viertel des Werkes bei Herodot und Thukydides) und dass ihre Wirkung als authentischer betrachtet wird als die rein auktoriale Darstellung. Doch bei Thukydides wird das Abweichen von der tatsächlich gehaltenen Rede, die mit antiken Mitteln auch i.d.R. gar nicht zu rekonstruieren war, methodisch reflektiert, indem er angibt, er habe die Reden nur sinngemäß, so wie ein jeder eben sprechen musste, wiedergegeben (I 22,1 ὡς δ' ἂν ἐδόκουν ἐμοὶ ἕκαστοι περὶ τῶν αἰεὶ παρόντων τὰ δέοντα μάλιστ' εἰπεῖν…). Plutarch diskutiert in Bezug auf die berühmte Solonrede vor Kroisos sogar, die Rede werde von vielen aus chronologischen Gründen für unecht gehalten, hält aber trotzdem wegen der tieferen dort ausgedrückten Wahrheit an ihr fest (Plut. Sol. 27-28). So untersuchte Professor Riemer den Einsatz von Reden bei den genannten griechischen Autoren sowie bei Xenophon, ebenso auch bei den im lateinischen Schulunterricht omnipräsenten Autoren Caesar und Sallust: Für Caesar wies er anhand einer Stelle in der Britannienexpedition des Bellum Gallicum darauf hin, dass die Wiedergabe einer direkten Rede von Caesar auch eingesetzt werden konnte, um das persönliche Scheitern zu kaschieren und die objektive Darstellung zu verlassen (B.G. IV 25,3). Für den Oberstufenunterricht sicherlich am meisten relevant war allerdings die Betrachtung des berühmtesten Redenpaares in Sallusts Coniuratio Catilinae, der Diskussion zwischen Caesar und Cato im Senat über die Behandlung der Catilinarier und deren abschließende Synkrisis (Sall. Coni. 51-54). In der Nachfolge des Thukydides, auch was die antinomische Zweierstruktur betrifft, wich Sallust offensichtlich bewusst von dem ab, was die beiden Redner tatsächlich gehalten hatten (im Vergleich zu den anderen Quellen Sueton und Plutarch). Sallust modelliert die Reden eher nach dem Vorbild eines Redenpaares aus dem dritten Buch des Thukydides (Kleon und Diodotos zum Abfall von Mytilene, 428 v. Chr.) und kontextualisiert sie so in der allgemeinen Pathologie des römischen Reiches, die er zuvor – vor allem in den Exkursen – geschaffen hatte: Die besonnene Haltung des Caesar setzt sich – anders als beim griechischen Vorbild – bei den Zeitgenossen nicht durch und dies ist als Fingerzeig für den römischen Leser gedacht: Die alten Werte der Römer – ein zentrales Thema, gerade am Ende der Coniuratio – sind verfallen. So erhielten die Zuhörer des Vortrags wichtige Impulse für die Sallustlektüre im Schulunterricht; dementsprechend schloss sich auch eine intensive Diskussion mit Nachfragen an. 

Die Vorträge der Lebendigen Antike wirkten also wiederum anregend und bereichernd für den alltäglichen Schulunterricht und lockten darüber hinaus auch ein weiter gestreutes Publikum an unser Gymnasium. Wir danken in diesem Zusammenhang auch wieder dem Förderverein für seine stetige Unterstützung dieser Veranstaltungen.