Lektürephase II in Klasse 11-13

Ein möglicher Weg durch die lateinische Literatur

Der Unterricht erfolgt im Leistungskurs fünfstündig, im Grundkurs dreistündig. Nach aktuellem Stand der Prüfungsordnungen werden im Grundkurs eine (zweistündige) und im Leistungskurs zwei (drei-bis fünfstündige) Kursarbeiten pro Halbjahr geschrieben (außer MSS 11/1: Leistungskurs nur eine Klausur).

Catull

Mit der Jahrgangsstufe 11 beginnt für alle, die dem Fach Latein in Leistungs- oder Grundkurs die Treue gehalten haben, eine vertiefende Reise durch die römische Literatur. Ein beliebter Einstiegsautor für die nun aus den ehemaligen Klassenverbänden neu zusammengesetzten Kurse ist Catull. Dieser Dichter ist der sog. Gruppe der Neoteriker ( = „Neuerer“) zugehörig, und so atmen seine Gedichte einen rebellischen jungen Geist neuer Lyrik, die sich sowohl Erlebnisintensität (Liebesgedichte) als auch Provokation (politische Lyrik) auf die Fahnen geschrieben hat. Als Zeitgenosse Caesars und Ciceros (Mitte des 1. Jh. v. Chr.) schreibt er in der klassischen lateinischen Hochsprache. Alternativ zu ihm bieten sich, sofern nicht schon in der Mittelstufe gelesen, die augusteischen Elegiker Tibull und Properz oder das oben zuletzt genannte Lehrgedicht Ovids, die „ars amatoria“ an.

[Bild von Schorle - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7027254]

Sallust

Auch die römischen Historiker sind ein Muss für die Oberstufe. Neben Livius und Tacitus gehören vor allem die Monographien Sallusts (Catilina, Iugurtha) zu den altbewährten, aber immer wieder auch vielschichtig zu interpretierenden Lektüren. Auch er ist ein klassischer Vertreter des 1. Jh. v. Chr., wenngleich in einer deutlich stärker archaisierenden Sprache. Dies hat seine Gründe, sieht doch dieser Geschichtsschreiber viele ruhmreiche Errungenschaften politischer und gesellschaftlicher Art aus Roms Historie in der Niedergangsphase der libera res publica (der freien Republik Roms) in höchstem Maße bedroht. Wie schon bei Caesar steht auch bei ihm nicht Objektivität und Quellenkunde im Vordergrund seiner Betrachtung, antike Historiker verfolgten vielmehr die Intention, ihre eigene Weltsicht der Dinge am Beispiel historischer Ereignisse dem Publikum zu vermitteln. So sucht Sallust – auch aufgrund späterer leidvoller persönlicher politischer Erfahrungen – nach den Ursachen dafür, was das römische Reich so groß und zum Weltreich gemacht, aber unweigerlich auch dessen Niedergang eingeleitet hat. Dieser für Sallust typisch exemplarischen und moralisierenden Geschichtsschreibung, die alles andere als „trocken“ ist, vielmehr spannend und geradezu dramatisch, wollen wir nachspüren und auf den Grund gehen.

Vergil

Vergils „Aeneis“ ist das Nationalepos der Römer. In Nachahmung der homerischen Epen Ilias und Odyssee – ebenso wie diese großen Vorbilder oder auch Ovids Metamorphosen (s.o.) im epischen Versmaß des Hexameters verfasst, das die Schüler schon aus der Mittelstufenlektüre kennen - schildert Vergil in 12 Büchern die Flucht des Venus-Sohnes Aeneas aus dem brennenden Troja, seine Irrfahrten über das Mittelmeer, bis er schließlich nach vielen Abenteuern und Kämpfen in Italien eine neue Heimat findet. Seine Nachfahren werden dann Rom gründen und zur Weltmacht führen.

Wir lernen Aeneas kennen, einen trojanischen Helden, der sich nach dem Verlust seiner ersten Frau und seiner Heimat mit seinem greisen Vater und seinem kleinen Sohn auf einer langen und leidvollen Odyssee befindet, nicht nur geographischer, sondern auch machtpolitischer und emotionaler Art: Er ist hin- und hergerissen zwischen den Aufträgen der Götter, der Verantwortung für sein Volk und seinen persönlichen Wünschen und Interessen; er muss sich entscheiden zwischen seiner Liebe zu Dido, der Königin von Karthago, und seinem fatum (Schicksal), sogar zwischen Leben und Tod seines ärgsten Feindes und muss als Held und Anführer lernen Verantwortung zu übernehmen, damit er der pius (pflichtbewusste) Aeneas werden kann, den seine Aufgaben erfordern. Wir begleiten ihn als an seinen Aufgaben wachsenden Menschen auf einem letztlich allen Widerständen zum Trotz erfolgreichen und dennoch stets problematischen Lebensweg, auf dem er erkennt und akzeptiert, dass Leiden nicht nur zum menschlichen Leben gehört, sondern der Weg jedes großen Menschen per aspera ad astra (durch harte Prüfungen hin zu den Sternen) führt.

[Bild von <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:QuartierLatin1968" title="User:QuartierLatin1968">QuartierLatin1968</a> - <span class="int-own-work" lang="de">Eigenes Werk</span>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" title="Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0">CC BY-SA 3.0</a>, <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15393384">Link</a>]

Seneca

Weniger episch als vielmehr philosophisch geht diese grundsätzlichen Menschheitsfragen der Stoiker Seneca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.) an. Seine Epistulae morales (Ethische Briefe), seinem Freund Lucilius gewidmet, verbinden tiefe persönliche Hinwendungen und sehr individuelle, ja existentielle Erfahrungen mit eindringlichen Appellen über den Briefadressaten hinaus an uns alle mit dem Ziel einer besseren und glücklicheren Lebensführung. In bewegten Zeiten hat Seneca von Augustus bis Nero alle julisch-claudischen Kaiser Roms erlebt, war sogar Neros Lehrer und hat in dessen Jugendjahren vorübergehend sogar die Geschicke des Imperium Romanum geleitet. Belastet von schweren Krankheiten, hohen politischen Ämtern und unermesslichem Reichtum, von Claudius in die Verbannung geschickt und nicht nur wiederholt mit dem Tode bedroht, sondern letztlich von seinem Schüler Nero zum Selbstmord gezwungen, hat er uns dennoch eine Fülle ergreifender und Charakter prägender Literatur hinterlassen, zu denen neben seinen Epistulae auch Trostschriften (consolationes), Dialogi (de vita beata = über das glückliche Leben, de ira = über den Zorn, de constantia sapientis = über die Standhaftigkeit eines Weisen u.v.a.m) und sogar Tragödien gehören. Ein Leben ohne Einfluss äußerer Dinge auf die Seele, die unerschütterlich allem Schicksal gegenüber und frei von negativen Affekten ist, war sein Ideal und weist ihn, wenngleich er es immer wieder mit Augenzwinkern dementierte, der stoischen Philosophenschule zu.

[Bild von I, Calidius, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2456052]

-Philosophen im Diskurs – Mosaik aus Pompei-

Was ist ein Staat? Worin unterscheidet sich das moderne „sta(a)tische“ Denken von dem der Griechen und Römer? Welche Staats- und Regierungsformen gibt es überhaupt, welche Vor- und Nachteile haben sie, und welche ist die beste? Cicero, der wohl berühmteste, aktivste und schöpferischste Redner, Politiker, Staatstheoretiker und Philosoph der römischen Welt lässt in seinem Werk „de re publica“ (Über den Staat) Scipio und weitere Gelehrte seiner Zeit über diese Fragen durchaus kontrovers diskutieren. Diese Diskussion kennenzulernen und auch in gegenwärtige politische Debatten zu tragen, ist ein Ziel dieser Lektüre im Unterricht. Denn viele Errungenschaften unserer Verfassung gehen auf Ciceros Werk zurück, wurden aber auch bereits in der Antike problematisiert und kritisch hinterfragt. Dabei werden die griechischen Vorbilder Ciceros nicht außer Acht gelassen, zum Beispiel Platons „Politeia“, Aristoteles, die Philosophengesandtschaft des Karneades und nicht zuletzt die Verfassungskreisläufe des Polybios, ebenso wird ein Blick in Ciceros kosmologische Vision des „Somnium Scipionis“ (Scipios Traum) geworfen, in dem er frei nach Goethe das zu finden versucht, was „die Welt im Innersten zusammenhält“.

Als Abschluss der Oberstufen-Wanderung durch den Garten der lateinischen Literatur – im Leistungskurs ist das Abitur zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben – mag, wie schon am Ende der Mittelstufe, amüsante und wohlklingende Kleinkunst stehen. Was könnte sich hierfür besser eignen als die eine oder andere Ode des augusteischen Epikureers Horaz, der mit seiner Lyrik bis in die Romantik und darüber hinaus gewirkt hat und der Einfachheit und Schönheit der Sprache in anmutiger Form die Ästhetik verliehen hat, die das Gemüt der Menschen zeitlos zu rühren vermag?

Wer es deftiger mag, darf dennoch bei Horaz verweilen und statt in die Oden und Epoden einen Blick in seine Satiren werfen. Vergleiche zu den späteren Satirikern Martial und Juvenal bieten sich an und sind – um im Bild der Satire (lat. Satura) zu bleiben – nicht nur ein attraktives Finale, sondern nicht minder geistig „sättigende“ Nahrung.

Alle Schülerinnen und Schüler, die bis hierher durchgehalten haben, und die mit 5 MSS-Punkten (entspricht der Note „ausreichend“) oder besser abgeschnitten haben, erhalten unabhängig von Grund- oder Leistungskurs das sog. „Große Latinum“ auf dem Abiturzeugnis.

[Billd von neznan - www.departments.bucknell.edu/History/Carnegie/plato/academy.html, Javna last, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5030083]