Ein möglicher Weg durch die lateinische Literatur

Lektürephase I in Klasse 9-10

Nach Abschluss der Lehrbuchphase beginnt in Klasse 9 der Einstieg in die Originallektüre antiker Texte. Noch in der Sekundarstufe I, d.h. bis Ende von Klasse 10, müssen laut Lehrplan für die altsprachlichen Gymnasien mehrere Originallektüren gelesen werden, die sowohl Dichtung als auch Prosa, sowie verschiedene Textsorten in angemessener Breite berücksichtigen sollen (am Görres-Gymnasium verbindlich: zumindest Caesar und Ovid).

Phaedrus

Einen textlich überschaubaren und inhaltlich abwechslungsreichen Einstieg bilden z.B. die Fabeln des Phaedrus. Zudem stellen sie eine Erstbegegnung mit lateinischer Dichtung dar. Diese Tierfabeln, die „docere et delectare“ (belehren und unterhalten) wollen, stehen in langer Tradition vom Griechen Äsop bis zu modernen Bearbeitungen des franz. Barockdichters La Fontaine und des deutschen Aufklärers Lessing und bieten Stoff für zahlreiche und durchaus kontrovers geführte Interpretationen.

[Bild von ʿAbdallāh Ibn-al-Muqaffaʿ - www.bridgemanartondemand.com/art/77364/The_Fox_and_the_Crow_illustration_from_The_Fables_of_Bidpai, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10686316]

Caesar

Der erste „große“ Prosaautor ist in der Regel Caesar mit seinem Werk „de bello Gallico“ (Über den gallischen Krieg) - ein Werk, das aus seiner (auch unsäglichen Schultradition der letzten 120 Jahre) nicht nur positive Erinnerungen an die eigene Schulzeit weckt. Doch heute will niemand mehr mittels Caesar Frankreich besiegen, Caesars Völkermord rechtfertigen, ihn selbst oder die Germanen gar verherrlichen, ja nicht einmal mehr Caesars Kriegs„berichte“ – wie das früher üblich war -  zum grammatischen Steinbruch des klassischen Lateins degradieren. Gleichwohl – Caesars Diktion ist rein und klar und deshalb als Lektüre einfacher als andere, aber nicht immer einfach so zu verstehen, wie Caesar es uns glauben machen will: Hauptaugenmerk heutiger Bildung soll daher vielmehr auf der manipulativen Kraft von Sprache liegen, als deren Meister es Caesar auf ganz subtile und vielschichtige Weise gelingt, uns den Eindruck scheinbarer Objektivität zu vermitteln, Taten zu rechtfertigen, die nicht zu rechtfertigen sind und mit Fakten und fake news so propagandistisch umzugehen, dass manche Heutigen bei Caesar in die Lehre gegangen zu sein scheinen. Vor diesem Hintergrund sind nicht nur die Darstellungen der Kriegsereignisse spannend zu beleuchten, sondern auch Caesars Einblicke in die Kultur der Kelten, Briten und Germanen, die Romanisierung Galliens oder nicht zuletzt die brillante Bautechnik der Römer, die unter Caesar nur wenige Kilometer rheinab von Koblenz die erste Rheinbrücke errichteten.

[Bild von Louis le Grand - own work / Altes Museum Berlin (Berliner Museumsinsel), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2597861]

Ovid

Ganz anders als der Politiker, Redner und Kriegsherr Caesar führt uns Ovid, der wohl schöpfungs- und wirkungsmächtigste Autor der augusteischen Zeit in die schier unerschöpfliche Vielfalt des antiken Mythos. Seine 15 Bücher Metamorphosen (= Verwandlungsgeschichten) haben nicht nur zahllose Kunstwerke weltweit inspiriert – von seinen Einflüssen auf die literarische Rezeptionsgeschichte ganz zu schweigen -, Ovid hat ein Weltepos geschaffen, das vom Chaos zum Kosmos führt und Entwicklungen und Veränderungen vom Anbeginn der Welt bis in unsere Zeit am Leben und den Schicksalen unzähliger göttlicher und menschlicher Gestalten zeigen will. Orpheus, Dädalus und Ikarus, die Weltalter und Sintflut, Pyramus und Thisbe, Niobe, Lykaon, Arachne, Apollo und Daphne oder Narcissus seien nur als einige Beispiele genannt, an denen uns Ovid typisch menschliche Verhaltensweisen, aber auch typisch menschliche Grenzüberschreitungen mit allen Folgen für das Individuum selbst, aber auch darüber hinaus für die betreffende Gesellschaft oder gar für den Weltkosmos insgesamt zum Teil massiv warnend, gelegentlich aber auch schelmisch-spitzbübisch vor Augen führt.

Ovid stellt für die Schülerinnen und Schüler ferner eine Erstbegegnung mit dem Hexameter, dem Versmaß antiker epischer Dichtung dar, dessen Analysen ebenfalls zum Pflichtprogramm des Unterrichts gehören. 

Neben Ovids Hauptwerk können auch weitere Werke dieses Dichters für den Unterricht gewählt werden: z.B. die Amores (Elegische Liebesdichtungen) oder Werke seiner Exilliteratur (Tristien, Ex Ponto), in denen Ovid autobiographisch sein Schicksal der Verbannung durch Kaiser Augustus, bei dem er gegen Ende seines Lebens in Ungnade gefallen war, zu verarbeiten sucht.

[Bild von Ettore Ferrari - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 ro, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16459782]

Cicero

Wer bisher Cicero, den wohl berühmtesten Redner, Politiker und Philosophen, den Rom je hervorgebracht hatte, vermisst hat, sei entweder auf die Oberstufe oder in der Mittelstufe auf eine thematische Lektüre vertröstet: Einstieg in die römische Philosophie, in dem neben Standardwerken Ciceros (de officiis, de finibus bonorum et malorum, Laelius, de natura deorum) vor allem auch der kaiserzeitliche Stoiker Seneca mit vielen Auszügen aus seinen epistulae morales für eine Erstbegegnung gut aufbereitet ist. Neben Fragen zu Grundlagen und Zielen der Philosophie, Fragen zu Göttern und Schicksal, ethischen Fragen zum Menschen an sich sowie dem Weisen bietet diese Auswahl zentraler antiker Texte auch einen kleinen Ratgeber in Lebensfragen, der sich mit Lebensglück, Unglück und Tod, Umgang mit Reisen und der Zeit, mit Schule und Bildung, Freundschaft, Reichtum und politischer Betätigung befasst.

[Bild von Susanne Reitz, kapitolinisches Museeum]

Terenz

Da für manche Schülerinnen und Schüler bei der Kurswahl der Lateinunterricht nach Klasse 10 endet, empfiehlt es sich, an das Ende dieser Klassenstufe eine (aus Zeitgründen meist nur noch in Auszügen zu lesenden) Lektüre zu stellen, die sprachlich nicht überfordert und zugleich der Heiterkeit nicht entbehrt. Zur Wahl gestellt und von den Schülerinnen und Schülern gewählt wurden schon wiederholt eine Komödie des römischen Dichters Terenz (Adelphoe = Die Brüder), bei der schon in der Antike zwei grundsätzlich verschiedene Erziehungsformen – sittenstrenge Zucht und Ordnung einerseits, antiautoritäre Erziehung mit Laissez-faire andererseits aufeinander prallen Zwei völlig verschiedene Brüder testen dies an ihren Söhnen mit allen denkbaren komödiantischen Auswüchsen, Irritationen und Verwicklungen.

Ein zweites, von Schülerinnen und Schülern gerne favorisiertes, sagenumwobenes und seit 2000 Jahren auch leicht skandalumwittertes Werk, die „Ars amatoria“ des oben schon genannten Dichters Ovid ist ein in Distichen verfasstes Lehrgedicht in drei Büchlein. Der Titel „Die Kunst des Liebens“ sagt über den Inhalt der Lehre genug, die kunst- und liebevolle Art der Darstellung fasziniert Jung und Alt bis heute mit einem zeitlos gültigen Thema.

Am Ende von Klasse 10 erhalten alle Schülerinnen und Schüler, die mit der Note vier (ausreichend) oder besser abschließen die Qualifikation des „Latinum“ (später bescheinigt auf dem Abiturzeugnis bzw. im Fall eines vorzeitigen Abgangs auf dem Abgangszeugnis).

[Bild von https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b7/Portrait_of_Terence_from_Vaticana%2C_Vat._lat.jpg]