26. Altsprachenwettbewerb Certamen Rheno-Palatinum und Bundeswettbewerb Fremdsprachen

 

Bei der Preisverleihung zum Abschluß des diesjährigen, 26. Certamen Rheno-Palatinum (CRP – für die Sek II) 2011/12 wurde Miriam Wendel (MSS 13) mit dem landesweit höchsten, dem Preis der Herzog-Wolfgang-Bibliothek Zweibrücken ausgezeichnet. In der Zisterzienser-Abtei Marienstatt/Westerwald hielt Miriam vor Schüler/innen, Eltern und Lehrenden am 18. April zugleich auch die Rede aus der Sicht der Teilnehmenden: indem sie die Pestbeschreibungen zu Beginn der homerischen Ilias sowie im zweiten Buch von Thukydides’ Peloponnesischem Krieg, dem Thema ihrer schriftlichen Hausarbeit, in dieser Form als Sinnbilder für die ebenso unvorhersehbare wie unvermeidliche Gefährdung und Bedingtheit der condicio humana deutete, wies sie eindrucksvoll auf die unverändert aktuelle Aussagekraft zentraler antiker Textzeugnisse hin – „Krankheit als Spurensuche“ …

 

Auch Martin Hollmann (mit dem Preis der Stadt Ludwigshafen sowie dem Ulrich-von-Hutten-Preis der Ebernburgstiftung) und Laura Visser (mit dem Preis der Stadt Speyer) – beide MSS 12 – wurden für ihre Arbeiten in der Klausurenrunde wie für ihre Hausarbeiten ausgezeichnet, Martin gleichfalls zur „Schilderung der Pest in Homers Ilias und im Werk des Thukydides“, Laura zum "Theut-Mythos in Platons Dialog Phaidros“. Miriam Wendel und Martin Hollmann haben sich im Weiteren für die dritte und letzte Runde, das Colloquium zur Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes am 25. Mai an der Universität Mainz qualifiziert.
Im aktuellen Bundeswettbewerb Fremdsprachen (Bildung & Begabung) für die Sek I erzielte Mona Röser (10 b) den 4. Landespreis im Wettbewerb Latein/Altgriechisch – in den Disziplinen: Übersetzung, Textverständnis, Sprachbeobachtung und Realienkunde (Res et verba), Hörverstehen. Hier fand die Preisverleihung am 19. Juni am Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße statt. Ebenso erhielt Marvin Wächter (10 a) für seine besonderen Leistungen sowohl in Latein als auch in Griechisch eine Auszeichnung.              M.P. Schmude

         

Im Folgenden sei die Rede wiedergegeben, welche Miriam bei der Preisverleihung in Marienstatt gehalten hat:
„Mit Altphilologie kann man den Jugendlichen heute sicher nicht kommen“ –
sehr geehrte Damen und Herren,
Dies behauptete nämlich vorgestern eine Moderatorin des WDR anlässlich einer Besprechung des Jugendmusicals „Border“. Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, dass der Inhalt des Musicals auf einer Tragödie von Euripides basiert.
Dieser Satz, so öffentlich verkündet, bestätigt die Gesellschaft in ihrem Klischeedenken über alte Sprachen. Folgt man der Aussage, Jugendliche nicht mit altphilologischen Inhalten locken zu können, dann müssten die Schauspieler dieses Musicals vor leeren Reihen agieren. Dies ist absolut nicht der Fall! Kann altklassische Literatur die Jugend also doch ansprechen? Haben antike Schriften jungen Menschen etwas zu sagen? Folgen Sie doch einfach meinen Überlegungen, um mit Hilfe von Homer und Thukydides – denn mit ihnen habe ich mich im Rahmen des Wettbewerbs beschäftigt - eine Antwort zu finden. Stellen Sie sich folgendes vor:
Sie alle hier sind von einer Krankheit befallen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Apoll viele von uns mit seinen güldenen Krankheitspfeilen getroffen und Sie die schwarze Pest zu Hause hinterhältig, heimlich, heimgesucht hat. Glauben Sie mir nicht?! Keine Angst, ich informiere auch nicht das Gesundheitsamt über die zahlreichen Fälle.
Naja – vielleicht ist es auch nicht Apoll, der Ihnen die Pest gebracht hat und bringt. Welchen Grund sollte er haben? Oder haben Sie sich etwa so frevelhaft wie Agamemnon verhalten, der durch sein hochmütiges Verhalten die menschlichen und göttlichen Normen gebrochen hat, der durch die Geringschätzung der Priesterwürde den Zorn eines Gottes auf sich gelenkt hat?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht! Aber dürften das auch nicht damals die vielen unschuldig erkrankten Griechen gedacht haben, die aufgrund des Fehlverhaltens eines Einzelnen – eines Herrschers – in der Gesamtheit geschädigt wurden?! Demnach müssten ja Personen in politischen Machtpositionen, die von einem Fettnapf in den anderen treten, eine Seuche nach der anderen provozieren. Aber dass sich Kurt Beck oder Angela Merkel so frevelhaft verhalten, dass sie den Zorn der Götter auf sich lenken. Ich will es doch stark bezweifeln.
Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Wann kam die Pest in mein Leben. Sie können sich an keine Pestsymptome oder Pestbeulen erinnern!
Brauchen Sie auch nicht! Die Pest, die Ihnen ein grollender Gott nach Hause bringt, ist eine Metapher, genauso wie die Seuche in Homers Ilias einen symbolisch-mythologischen Charakter besitzt. Sie könnten die Seuche durch ein beliebig anderes negatives Ereignis ersetzen. Ein negatives Ereignis, welches vielen von Ihnen auch vertraut sein dürfte: eine schwere Krankheit oder der Verlust eines liebgewonnen Menschen setzen uns Menschen zu, hinterlassen deutliche Spuren.
So schreibt die Lyrikerin Marion Gitzel 1947: „Krankheit ist Spurensuche.“ Diese Spuren zeigen sich im Verhalten und Wesen des Menschen, dem solches Leid widerfahren ist. Dass Krankheit auf den Menschen abfärbt und sein Verhalten beeinflusst, hat bereits Thukydides erkannt. Er  beschreibt im zweiten Buch des Peloponnesischen Krieges den moralischen Verfall, ausgelöst durch das Einsetzen der Krankheit. Habgier, Egoismus, Pietätlosigkeit kennzeichnen den Menschen in einer solchen Extremsituation. Das gilt bis heute. Die Auswirkungen der Krankheit auf den Menschen sind sehr drastisch.
Wenn ich jedoch von den Spuren rede, die erlebtes Leid bei Ihnen hinterlässt, so können diese auch von anderer Art sein. Wir Menschen werden auch positiv sensibilisiert für die Belange anderer, knüpfen enge Beziehungen zwischen Freunden und Familienmitgliedern und lassen uns Menschen empathisch aufeinander zugehen. Krankheiten und Katastrophen können Solidarität auslösen. Dass die Spuren, die die Krankheit bei den Griechen hinterlässt, so negativ ausfallen, lässt sich mit Thukydides‘ kritischem Menschenbild begründen
Die Pestschilderungen Homers und Thukydides sind auf jeden von uns übertragbar, sie berühren uns alle auf eine andere Art.
Somit behalten diese Werke, sowie die Schriften anderer griechischer Autoren und Philosophen Aktualität und Modernität. Sie werden immer – auch in Zukunft – zeitlos bleiben, da Grundfragen menschlicher Existenz und menschlichen Verhaltens beschrieben werden.
Haben Sie sich nicht schon folgende Fragen gestellt: Wer bin ich? – Welchen Sinn hat mein Leben? – Wo komme ich her? – Wo gehe ich hin?
Nun gut, ich gebe es zu, ich kann Ihnen hierfür jetzt keine allumfassende Antwort bieten, ich weiß aber, woher ich zur Beantwortung solcher Fragen wichtige Impulse bekommen kann. Es gibt auch in unserer modernen Zeit keine existentielle Frage, die nicht die antiken Denker angedacht oder meistens durchdacht haben. Lesen Sie doch einfach als nächste Lektüre antike römische und griechische Schriften. Bruno Snell meint: „Denn wir lernen Griechisch und Latein nicht, um danach in der Gastronomie oder in der Übersetzung zu arbeiten.
Wir lernen die Sprache, um direkt die Kultur zweier Völker kennenzulernen, die eine notwendige Voraussetzung für unsere Kultur und Zivilisation sind, d. h., um wir selbst zu sein und um uns selbst besser zu verstehen.“
Die antike Philosophie öffnete die Tore der Aufklärung, ist der Ursprung für jedes philosophische Denken in unserer Zeit. Somit haben antike Autoren jungen Menschen wichtige, für ihr Leben gewinnbringende Inhalte zu bieten. Altklassische Literatur spricht, richtig präsentiert, die Menschen also doch an und gerade deswegen erfreut sich – meiner Meinung nach – das vorher erwähnte Musical zahlreich erscheinender Jungendlicher.
Wieder bringt es Snell auf den Punkt:
„Die Philosophen von Thales bis Aristoteles haben den Ansatz des Philosophierens so stark vorgegeben, dass jede moderne Bemühung auf ihre Urbilder zurückführen muss. So bleibt jede Frage, die sich die Griechen gestellt haben, unsere eigene gegenwärtige Frage.“
Ich danke all den Anwesenden, die uns hierbei unterstützen.           Miriam Wendel