Argumente für Latein

Latein – ein Grundlagenfach in methodischer Hinsicht: Basisqualifikationen

Im Unterschied zu den modernen Fremdsprachen ist das Hauptziel des Lateinunterrichts nicht das aktive Sprechen und das Hörverstehen, sondern ein analytisches Annähern an das Phänomen „Sprache“ an sich. Damit schult der Lateinunterricht Basisqualifikationen, d.h. Fertigkeiten und methodische Kompetenzen, die man auch auf anderen Gebieten gebrauchen kann.

Diese Art der Sprachbetrachtung schult besonders die Fähigkeit, theoretisch zu analysieren. Indem die Schülerinnen und Schüler die Fremdsprache neu kennen lernen und reflektieren und sich so dann auch über ihre eigene Muttersprache Gedanken machen, schärfen sie ihre Analysefähigkeit, und zwar an einem sprachlichen, nicht einem mathematischen oder naturwissenschaftlichen Beispiel. Sie erkennen im Sinne einer Fremderfahrung: Die lateinische Sprache als sogenannte agglutinierende Sprache (wie das heutige Türkische oder Finnische) vermittelt sprachliche Informationen vor allem über die Endungen der Wörter. Mit dieser Erkenntnis beginnen die Schüler, eine Sensibilität für den sprachlichen Ausdruck an sich zu entwickeln. So schulen sie auch die Ausdrucksfähigkeit innerhalb der deutschen Sprache. 

Zentrum des Lateinunterrichtes ist aber vor allem die Satz- und Texterschließung, d.h. die grammatische Analyse mit anschließender Übertragung ins Deutsche. Latein fördert so das logische Denken. Wir unterstützen dies durch unsere Unterrichtsmethodik, indem wir bei der Neueinführung grammatischer Phänomene vor allem induktiv vorgehen, das heißt indem wir grammatische Erscheinungen, die wir erarbeiten, nicht einfach an die Tafel schreiben und auswendig lernen lassen, sondern die Kinder selbstständig erschließen lassen, was hier eigentlich neu ist.

Indem wir als Ziel des Unterrichts einen lateinischen Text ins Deutsche übersetzen lassen, schulen wir Genauigkeit und Gründlichkeit. Es geht nicht nur um ein ungefähres Textverständnis, wie es in den modernen Fremdsprachen in einigen Unterrichtsphasen schon ausreicht, sondern um eine genaue Übersetzung.

Argumente für Latein

Latein – der Schlüssel für viele moderne europäische Fremdsprachen

In der ersten Phase des Lateinunterrichts, der Spracherwerbsphase von Klasse 5-9 (1. Halbjahr) erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler nach und nach das lateinische Basisvokabular (ca. 1250 lateinische Wörter). Die Sprachen, die in Europa auf dem Gebiet des ehemaligen imperium Romanumgesprochen werden, die sogenannten romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, (Rätoromanisch im Kanton Graubünden / Schweiz)), entnehmen dem Lateinischen mehr als 90 % ihres Vokabulars und behalten auch das Sprachsystem grundsätzlich bei. Auch das Englische ist aus historischen Gründen vom Lateinischen stark beeinflusst: Nach der Eroberung im Jahre 1066 importierte die neue Herrscherschicht der Normannen ihre romanische Sprache (Altfranzösisch) ins Gebiet der germanisch geprägten Angelsachsen. So kommt es, dass insbesondere Ausdrücke der englischen Hochsprache aus dem Lateinischen abgeleitet sind (bis zu 60 %!). 

Dieses Argument ist also praktischer Natur: Die Schülerinnen und Schüler können die modernen romanischen Sprachen viel leichter und schneller erlernen, wenn sie vorher Latein gehabt haben: So ist es möglich, Vokabeln zu vernetzen und sogar selbst abzuleiten, wenn man sich klargemacht hat, wie die Veränderungen in der jeweiligen Sprache allgemein funktionieren.

Beispiel ITALIENISCH: Was heißt wohl: la produzione, la riduzione, il produttore?

Beispiel ENGLISCH: Welches lateinische Wort steckt dahinter?

Argumente für Latein

Latein – das Tor zur europäischen Kultur

Die lateinische Literatur wurde in ihren Hauptwerken über Jahrhunderte immer wieder in der Schule und an den Universitäten gelesen. Sie erlangte so eine zentrale Bedeutung für die europäische Kultur. Alle modernen Literaturen des europäischen Raumes orientierten sich an dem, was römische und lateinische Autoren in der Antike geschrieben hatten - ob die Schriftsteller es nun nachahmten oder weiter entwickelten oder sich gar davon absetzten.

So führt die Lektüre lateinischer Texte die Schülerinnen und Schüler ins Zentrum des europäischen Denkens, an die Mythen, das historische Wissen und die grundsätzlichen philosophischen Fragestellungen, mit denen europäische Menschen sich seit Jahrhunderten ihrer Umwelt nähern.

Schon in der Lehrbuchphase, das heißt von Anfang an sprechen wir im Unterricht über Götter und Helden, über die antiken Sagen, über Anekdoten berühmter antiker Persönlichkeiten. Damit vermitteln wir einerseits kulturelles Bewusstsein („Wo kommen wir her?“) und andererseits stellen wir auch Antworten auf die allgemeinen Menschheitsfragen vor, die in Europa gegeben wurden („Was ist der Mensch? Was ist das Gute? Was kann passieren, wenn wir Fehler machen?). Auf einer einfachen Ebene sind Kinder von der fünften Klasse an dafür ansprechbar. Später können sie so auch an abstraktere philosophische und ethische Problemstellungen herangeführt werden. Wir sind also der Meinung, dass der Lateinunterricht in hervorragender Weise dazu geeignet ist, kulturelles Wissenzu vermitteln.